Aufrüstung, das Must-have 2014

Wir brauchen endlich Aufrüstung! Der Russe! Und der Chinese erst! Entspannung ist so 2009. Wir brauchen mehr Panzer, mehr Raketen, mehr Drohnen, mehr alles! Nato-Generalsekretär Rasmussen trommelt natürlich dafür (ist ja auch sein Job); Steinmeier, Gauck und von der Leyen rufen im Chor nach mehr militärischer Verantwortung und unsere Leitmedien marschieren im Stechschritt mit. Exemplarisch seien hier drei Artikel aus der ZEIT vorgestellt, die dem Leser – im Ton unterschiedlich, in der Sache identisch – eine europäische Aufrüstung wärmstens ans Herz legen.

Der Ruf nach Aufrüstung gegen den irren Iwan kann subtiler ausfallen, wie etwa bei diesem Gastartikel, in dem Hans Maull Ende Mai eine „angebliche Alternativlosigkeit der Diplomatie“ postuliert und empfiehlt, „militärische Alternativen“ mitzudenken, weil alles andere Denkfaulheit sei. Umgekehrt wird ein Schuh draus, aber egal. Krieg findet Maull aber auch nicht so toll, jedoch solle man militärische Maßnahmen bitte nicht so tabuisieren und wenigstens aufrüsten. Maull arbeitet im Hauptberuf für die Stiftung Wissenschaft und Politik, die Bundestag und Regierung in außen- und sicherheitspolitischen Fragen berät. Eigentlich gehört der Transatlantiker der Forschungsgruppe „Amerika“ an, aber die Forschungsgruppe „Osteuropa und Eurasien“ hatte wohl keine Zeit und beim Thema Ukraine darf halt jeder mal.

Vier Tage später setzte dann Theo Sommer (ja, der mit der Steuer) auch eher auf kleineres Kaliber. Der ehemalige Chefredakteur und Herausgeber der ZEIT schreibt: „Die Welt sortiert sich gerade neu, daran hat Russland großen Anteil. Deshalb muss Europa wieder Geopolitik lernen, Strategie, Machtdenken. Und es braucht eine Armee.“ Bei Geopolitik und Strategie hat er sicher recht, Machtdenken dürfte Europa nicht völlig fremd sein, aber vor allem könnten die ersten zwei den vierten Punkt bereits überflüssig machen.

Heute dann darf der aktuelle ZEIT-Herausgeber an die Flak. Josef Joffe spielt ja in dem ganzen Getöse um die transatlantischen Verbindungen deutscher Spitzenjournalisten und mögliche Auswirkungen auf ihre Berichterstattungen eine, naja, herausragende Rolle (zusammengefasst in der ZDF-“Anstalt”, ab Minute 36). Für voll nehmen kann man Joffe sowieso seit dem Tag nicht mehr, an dem er allen Ernstes die Online-Petition gegen Markus Lanz mit dem Boykott jüdischer Geschäfte durch die Nationalsozialisten verglich. Aber einen Herausgeber der ZEIT kann man leider auch nicht einfach ignorieren, wenn er eine Senkung der US-amerikanischen Militärausgaben mit heißen Tränen beweint und gleichzeitig vor China und Russland warnt, die „eine raumgreifende Politik in ihrem Vorfeld betreiben“.

Die Zahlen, die Joffe dann herunterbetet sind auch wirklich haarsträubend – weil sie in frappierender Stümperhaftigkeit einen Sachverhalt konstruieren sollen, der so einfach nicht existieren will. Ja, die Militärausgaben der USA sinken. Das tun sie seit 2011 im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Allerdings lagen sie 2012 immer noch knapp 69% (!) höher als 2001 und auch vor den Anschlägen des 11. September waren die USA nicht gerade ein militärisches Leichtgewicht. Im Jahr 2013 haben die USA mit 640 Milliarden Dollar soviel Geld in die Rüstung gesteckt wie die nächsten 9 auf der Liste zusammen – Russland und China eingeschlossen. Und selbst wenn diese Ausgaben in den USA dann „in zehn Jahren auf 2,3 Prozent geschrumpft“ sein sollten, lägen sie immer noch bei 387 Milliarden Dollar (bei unverändertem BIP). „Derweil wachsen Chinas Militärausgaben um zwölf Prozent.“ Klingt besorgniserregend, Herr Joffe. Bedeutet aber einen absoluten Anstieg um 22,56 Milliarden Dollar oder, gemessen am chinesischen BIP, um 0,24%. Peanuts. Ob China und Russland sich wachsende Militärausgaben überhaupt weiter können, steht sowieso auf einem ganz anderen Blatt. Eine solche Entwicklung mit „[d]er Weltpolizist wird zum Sozialarbeiter“ zu beschreiben, wäre außer Joffe wahrscheinlich nur den Zynikern unter den US-Republikanern eingefallen. Egal, Realität und ähnliche Erbsenzählereien beiseite – Action ist gefragt: „Nur wachsen überall außer im Westen die Militärbudgets […] Bloß: Wer trägt die Last, wenn Amerika nicht mehr will?“ Irgendwer muss ja, oder? Also, her mit der Aufrüstung in Europa!

Und die ZEIT ist natürlich serviceorientiert genug, um den Leser da abzuholen, wo er gerade herumirrt. So findet jeder eine Aufrüstungsempfehlung, die auf seinen ganz persönlichen Geschmack zugeschnitten ist; wem Joffes Stimme zu schrill ist, der hört eben auf einen der anderen im Chor – es singen ja alle dasselbe.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s