Osterhase gegen Deflationsgespenst

Mit gerade mal zwei Semestern Volkswirtschaft in der Vita bin ich ganz sicher kein Wirtschaftsexperte. Aber im Wirtschaftsteil der Welt könnte ich doch allemal arbeiten. Denn da sorgt schon die kurzfristige Teuerung über die vergangenen Feiertage für gute Laune und der Osterhase vertreibt das Schreckgespenst der Deflation, das Europas Ökonomen und Politiker schon seit einiger Zeit umtreibt. Wie sehr erkennt man schon daran, dass in der Öffentlichkeit bevorzugt mit Euphemismen wie „Niedriginflation“ hantiert wird, um schon das Wort „Deflation“ möglichst zu vermeiden.

Man sollte sich ja eigentlich wenig um Artikel in der WELT scheren, aber dieser hier ist einfach ein gutes Beispiel für zweierlei Dinge: Erstens für das Pfeifen im Walde und die Tatsache, dass man immer irgendwelche Zahlen auftreiben kann, die das Pfeifen noch beruhigender machen. Zweitens für den immer gleichen Lösungsvorschlag, wenn es um die Bekämpfung der Deflation geht: Geldpolitik, sprich, Zinsen senken, Geld in die Märkte pumpen. Genau das tun die Zentralbanken in Europa und den USA schon seit geraumer Zeit und haben nach unten wenig (EZB) oder gar keinen Spielraum (Fed). Über eine Bekämpfung der Deflation durch eine Lohnpolitik, die den Binnenkonsum ankurbelt, findet sich in Artikeln zu dieser Thematik selten etwas. Man kann es auch mit den Worten des ehemaligen Clinton-Beraters Joseph Stiglitz sagen: „[D]ie breite Masse, die Geld ausgeben und damit die Wirtschaft ankurbeln würde, hat keins“.

Da ist was dran. Mit Peter Bofinger plädierte im Februar dann ja sogar einer der sogenannten „Wirtschaftweisen“ für „starke Lohnerhöhungen“, wurde aber von seinem Chef Wolfgang Franz direkt wieder zurückgepfiffen, es gebe dafür nur einen sehr geringen Spielraum. Begründung wie immer: Niedrige Löhne gleich mehr Arbeitsplätze, Gefahr für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft und Inflation.

Andere, wie etwa die New York Times, sehen interessanterweise gerade nicht die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands in Gefahr, sondern machen im Gegenteil diese Lohnpolitik für die Krise in Europa mitverantwortlich:

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(Der dazugehörige NYT-Artikel vom 22.4.2014 ist leider hinter der Paywall:How Underpaid German Workers Helped Cause Europe’s Debt Crisis“).

Heiner Flassbeck, ehemaliger Finanzstaatssekretär und Chef-Ökonom der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung, schlägt in die gleiche Kerbe und stellt den Sachverhalt ebenfalls entgegengesetzt dar wie Franz: „Deutschland hat seine Arbeitslosigkeit exportiert“. Flassbeck kritisiert die deutsche Niedriglohnpolitik, die andere europäische Volkswirtschaften unter Druck setze und eine Deflation vorantreibe, die sich – siehe Japan seit fast 20 Jahren – eben nicht durch Geldpolitik aufhalten lasse.

Sogar die nicht gerade als sozialistische Organisation verschrieene OECD scheint das Problem inzwischen verstanden zu haben, wenn sie es auch eher diplomatisch ausdrückt. Vielleicht ist es auch ein Anlass zur Hoffnung, dass sich dieser Tage Wirtschaftsstudenten aus aller Herren Länder gegen eine völlig einseitige Hochschullehre wehren, die seit etwa 40 Jahren genau eine Theorie vermittelt und alle anderen ignoriert, was in einer Wissenschaft eigentlich völlig unmöglich sein sollte.

Bis diese Studenten aber an den Schlüsselstellen in Politik und Wirtschaft oder zumindest in der Redaktion der WELT sitzen, muss man wohl noch etwas warten.

 

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