Spalter Krieg

Die ZEIT-Redaktion hat ja geschlossen dieses Blog abonniert und fragt sich deswegen zurecht in der Dachzeile des aktuellen Leitartikels, woran es liegen mag, „dass so viele Bürger die Krimkrise ganz anders beurteilen als Politik und Medien?“ Einer dieser Bürger bin ich und schaue mir mal an, welche Beweggründe Bernd Ulrich mir attestiert.

Der Autor gibt seine Analyse leider schon nach einigen Zeilen auf, wenn er feststellt, es ginge es ja „nicht um das Für und Wider von Mindestlohn und Atomkraft, es geht um den Konflikt zwischen einem aggressiven Autokraten und den westlichen Demokratien.“ Damit ist der Artikel nach etwa einem Zehntel seiner Länge eigentlich zu Ende, denn nach Ansicht Ulrichs darf über politische Themen durchaus kontrovers diskutiert werden, aber nicht über die Krise in der Ukraine.

Ich bin ähnlich „bestürzt“ wie Ulrich, allerdings aus anderen Gründen, wenn er schreibt: „Viele Leser erwarten von uns Ausgewogenheit, was auch in diesem Fall völlig normal wäre, wenn denn lediglich über die Vernünftigkeit von Sanktionen oder über die Fehler der EU gestritten würde – da wäre ja alles demokratisch und menschenrechtlich so rum oder so rum im grünen Bereich.“ Dieser Satz ist sprachlich wie argumentativ eher im roten Bereich. Weiter: „Tatsächlich jedoch wird die Legitimität des Völkerrechts offensiv in Frage gestellt“ und „man übernimmt das Gerede von ‘russischer Erde’“. Nein, „man“ kann auch die hiesige Darstellung in Politik und Medien kritisieren, ohne gleichzeitig alles abzusegnen, was Russland tut. Genau das wäre die Ausgewogenheit, die mir als Leser in der Berichterstattung zur Ukraine von Anfang an gefehlt hat und von der sich die ZEIT jetzt auch offiziell verabschiedet hat: Ausgewogenheit ja, aber doch bitte nicht in diesem Fall. Schade.

Da Ulrich nicht willens oder fähig ist, dieses grundlegende Problem zu erkennen und den Eindruck erweckt, als gäbe es überhaupt nur zwei mögliche Positionen, ist die Diskussion um die Ukraine und die Krim bei ihm auch keine politische Frage mehr, sondern eine dogmatische, in der man sich eine Seite aussuchen muss. Das ist das manichäische Weltbild des George W. Bush: „You’re either with us, or you’re with the enemy.“

Der Leitartikel der ZEIT demonstriert exemplarisch, woran es den Vertretern der journalistischen Zunft in diesen Tagen oft mangelt: An der Fähigkeit zu differenzieren und andere Konzepte als weiß und schwarz, gut und böse, Freund und Feind überhaupt in Erwägung zu ziehen. Und so überrascht es auch nicht, dass über der Dachzeile, die ganz sachlich nach den Gründen für die Diskrepanz zwischen Bürgermeinung und Medien- bzw. Politikermeinung fragt, eine Überschrift prangt, die zwar keine Antwort, aber zumindest schon mal einen Schuldigen gefunden hat: „Wie Putin spaltet“. Und damit es auch jeder kapiert, spaltet eine Putin-Zeichnung den Text auf der ganzen folgenden Seite in zwei Hälften (eigentlich spaltet er die Spalten; ob in der Redaktion jemand dieser polyptotonische Brüller aufgefallen ist?). Es hat schon etwas Pathologisches, Putin zu einem düsteren Lord Voldemort herzuschreiben, der in seiner Allmacht sogar noch die Spaltung der deutschen Öffentlichkeit von aus Moskau orchestriert. Können sich die Deutschen nicht alleine spalten?

Im Rest des Artikels will Ulrich sich dann nachsichtig bemühen, zumindest zu verstehen, was denn mit den Leuten los sein könnte. Den Weg zu einem wirklichen Verständnis hat er sich da bereits verbaut, weil er seine Sicht mit dem argumentativen Taschenspielertrick untermauert, einfach allen Kritikern die völlige Akzeptanz des russischen Vorgehens zu unterstellen, bevor er sich an die fünf eigentlichen Gründe macht, die seines Erachtens ausschlaggebend für das merkwürdige Verhalten der Menschen sein könnten. So bringt der Artikel die verschiedenen Seiten gerade nicht „wieder ins Gespräch“, wie der Schluss versöhnlich glauben machen will. Ein Gespräch funktioniert nun mal nicht, wenn eine Partei sagt: „Danke, aber ich brauche deine Meinung nicht, wenn ich mit dir diskutiere.“ Und jetzt, wo ich gerade erfahren muss, dass die ZEIT-Redaktion mein Blog wohl doch nicht abonniert hat – es wäre ein Anfang, vielleicht mal etwas anderes als die eigene Zeitung zu lesen.
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Nachtrag: Scheinbar sieht das auch der eine oder andere bei der ZEIT ähnlich wie ich. Ob die jetzt doch dieses Blog lesen? (Danke an RL für den Hinweis.)

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