Spiegeltest bei der Süddeutschen

Süddeutsche online schreibt heute unter dem Titel „Tabu spielen im Knast“ über den Besuch einer Horde von 150 Journalisten in der JVA Landsberg, in die Uli Hoeneß bald einziehen wird (im Titel der Seite steht übrigens „Presstermin in der JVA Landsberg“ – ein schöner, wenn auch unbeabsichtigter Kalauer).

Gut, wir sind im Panoramateil und damit im Boulevardjournalismus, aber immerhin ja auch bei der SZ und so fragt der Autor pflichtbewusst: „Darf man das? Einen prominenten Straftäter dermaßen dem Voyeurismus preisgeben? Verletzt damit das CSU-geführte Ministerium nicht das Persönlichkeitsrecht des Betroffenen?“ Die Erklärung lässt er die Anstaltsleitung liefern, die behauptet, man habe das Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit erfüllen wollen. Selbst beantwortet der Autor die Frage nicht. Außerdem scheint ihm nicht aufzufallen, dass der Voyeurismus von zwei Parteien bedient wird, nämlich vom Ministerium und von der Presse.

Warum nimmt der Autor denn eigentlich diesen „bizarren Termin“ wahr und liefert dann ebenso bizarr belanglose und voyeuristische Details über Zellenausstattung, Arbeitstag, Entlohnung, Hierarchien unter den Häftlingen und was weiß ich sonst noch? Klar, wenn er den Artikel nicht schreibt, macht es halt ein anderer. Und voyeuristisch sind ja sowieso nur Bildstrecken. Meinetwegen, aber wenn schon mit Begriffen wie „bizarr“, „Persönlichkeitsrecht“ und „Voyeurismus“ hantiert wird, sollte ein Journalist auch imstande sein, das eigene Tun und Schreiben zu reflektieren. Die richtige Frage wäre gewesen: „Muss man das?“ Und bei einer ehrlichen Antwort wären statt 150 wenigstens nur 149 überflüssige Artikel zu ein und demselben Thema erschienen.

 

 

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