Weise erdenken neue Gedanken, Narren verbreiten sie*

Die sogenannten „Wirtschaftsweisen“ sind 2014 frühzeitig aus der Tiefkühltruhe geholt worden, in der sie den Rest des Jahres sorgsam aufbewahrt werden und korrigieren ihr Orakel aus dem vergangenen Herbst. Weiter unten findet sich übrigens der Link auf einen Artikel zu diesem Herbstgutachten, in dem die Bezeichnung „Wirtschaftsweise“  mit Anführungszeichen versehen wird. Warum? Darum:

bip-prognose100~_v-videowebl

Die Auguren des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung haben in ihren Voraussagen die Streuung einer Kalaschnikowsalve, wenn der Taliban wieder versucht, Spionagesatelliten im All abzuschießen. Die BIP-Vorhersagen sind nichts anderes als wilde Spekulationen, aber so gut wie jedes Medium nimmt diese Zahlen ernst und kaum eines weist auf die geringe Treffsicherheit der fünf Meisterschützen hin.

Nebenbei warnen die glorreichen Fünf noch vor dem drohenden Mindestlohn. Darüber, ob der Mindestlohn Arbeitsplätze gefährdet oder nicht, streiten sich andere Leute schon genug, die sicher mehr Ahnung von Wirtschaft haben als ich. Sollen sie. Ich weise nur mal höflich darauf hin, dass ein Mindestlohn von 8,50€ Brutto nicht unbedingt ein Schlaraffenland zur Folge hat, in dem die Arbeitnehmer gar nicht mehr wissen, wohin mit dem ganzen Geld.

Die FAZ vergisst in dem Artikel natürlich elegant, darauf hinzuweisen, dass die Agentur für Arbeit diese Zahlen infolge einer Anfrage der Linken veröffentlicht hat, aber sei’s drum. Über 40% bzw. 740000 Alleinstehende bräuchten also trotz Vollzeitbeschäftigung und Mindestlohn „ergänzende Grundsicherungsleistungen“. Die Frage, ob diese Zahlen aktuell – also ohne Mindestlohn – besser aussehen, mag sich jeder selbst beantworten.

Ach so, und zur Höhe des geplanten Mindestlohns:

Mindestlohn-28-02-2014

Wer der Quelle nicht traut, kann sich natürlich auch selbst die Mühe machen, die Eurostat-Angaben von Monats- in Stundenlöhne umzurechnen.

Kurz gesagt: Eine ganze Menge Staaten, darunter auch die wirtschaftsliberalen Musterknaben USA und Großbritannien, haben längst Mindestlöhne eingeführt und sind dabei teils auch über die Niedriglohngrenze gegangen, unter der Deutschland geschmeidig durchtaucht. Wenn man „Wirtschaftweisen“ alles glaubt, müssten diese Volkswirtschaften schon samt und sonders vor die Hunde gegangen sein. Aber vielleicht korrigieren sie ihre Vorhersagen ja bald mal wieder. Wie eigentlich jedes Mal.

*(Heinrich Heine, Praktikant in der Redaktion)

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