Uli Hoeneß und kein Ende

Zeitungslektüre: Die TAZ macht mit den Protesten in der Türkei auf. Dazu Hoeneß. Die FAZ titelt mit der Wahl Kardinal Marx’ an die Spitze der deutschen Bischofskonferenz. Passend dazu kommentiert der diensthabende Verteidiger des Abendlandes ebenfalls auf der Titelseite Ehe und gleichgeschlechtliche Partnerschaften: „Ehe und Familie: Keimzelle in Gefahr.“ So stelle ich mir das mit linker und rechter Presse vor und muss mir nicht die Mühe machen, meine Klischeebilder zu überdenken. Ach ja, dazu Hoeneß. Und die ZEIT eröffnet mit einem Leitartikel zu Hoeneß. Es ist das einzige Thema, das mich auf allen Titelseiten anspringt und zu dem wohl jeder seine Meinung loswerden muss. Also gut, Hoeneß also.

Alle Artikel zu dem Thema kann und will ich nicht lesen, mich interessieren auch noch andere Themen.* Also lese ich den Leitartikel des ZEIT-Chefredakteurs Giovanni di Lorenzo, der sich abgeklärt gibt und versucht, den Prozess und seine Begleitumstände gesamtgesellschaftlich einzuordnen. Er beklagt die öffentliche Brandmarkung Prominenter, wobei er sich nicht die Mühe macht, zwischen den genannten Beispielen (Kachelmann, Schwarzer, Guttenberg) zu differenzieren. Trotzdem gebe ich ihm in diesem Punkt grundsätzlich recht. Schwerer tue ich mich allerdings mit der folgenden Darstellung:

„Auf Schuld und Sühne folgt die Rehabilitierung. Hier ist in Deutschland etwas dramatisch aus dem Lot geraten. Wo früher Prominente oder besonders Betuchte auf privilegierte Behandlung hoffen durften, gibt es heute neben dem für Straftaten zuständigen Gericht ein öffentliches Verfahren, in dem jedes Maß verloren gegangen ist.“

„Öffentliches Verfahren“ bezieht di Lorenzo dabei auf ein „Scherbengericht“, das „basisdemokratisch legitimiert (Volkes Stimme!)“ sei. Di Lorenzo kriegt dann aber noch die Kurve und verweist auch auf die „mediale Erörterung“, die „den Pranger abgelöst“ habe. Das kann man ruhig deutlicher formulieren; zumindest in den Fällen Kachelmann und Wulff erfolgten Anklage, Gerichtsverfahren, Urteil und öffentliche Hinrichtung in der Presse.

Bemerkenswert ist di Lorenzos Formulierung, es sei etwas „aus dem Lot geraten“. Früher seien Prominente vor Gericht mit Samthandschuhen angepackt worden, so habe etwa die Richterin in Boris Beckers Steuerhinterziehungsprozess eine „nahezu mütterliche Fürsorgepflicht gegenüber ihrem ertappten Delinquenten“ an den Tag gelegt. Wenn nun etwas „dramatisch aus dem Lot geraten“ sei, muss ja diese milde Art im Lot, also genau richtig, gewesen sein. Interessante Sichtweise.

Im Folgenden weist di Lorenzo korrekterweise darauf hin, dass das gemeine Volk keinen Deut besser sei als seine Eliten. Auch hier gebe ich ihm im Prinzip recht. Allerdings fallen mir zu dem Punkt doch drei einschränkende Anmerkungen ein:

Erstens ergeben sich für Vermögende ganz andere Möglichkeiten, den Fiskus zu betrügen (Offshore-Geschäfte, Nummernkonten, Buchhaltungstricks etc.) und mit Hilfe bester Anwälte erhöhte Chancen, drohende Strafen abzumildern oder abzuwenden.

Zweitens sollte man di Lorenzo beipflichten, wenn er fordert, allen das Recht auf Rehabilitierung zuzugestehen (wie es die Gesetzgebung ja auch vorsieht). Er wählt allerdings den falschen Zeitpunkt für seine Einschätzung. Denn im aktuellen Fall kann di Lorenzo erst beurteilen, ob Hoeneß das Recht auf Rehabilitation streitig gemacht wird oder nicht, nachdem dieser seine Strafe abgesessen hat. Denn erst auf die „Sühne folgt das Recht auf Rehabilitierung“.

Drittens bezweifle ich di Lorenzos Einschätzung, „dass Prominente, die einen Fehler machen, am Ende Ausgestoßene bleiben.“ Um bei den genannten Beispielen zu bleiben:

Jörg Kachelmann hat seinen Anteil an der von ihm gegründeten Firma Meteomedia verkauft, ein Buch geschrieben und arbeitet als Unternehmensberater in der Schweiz.

Alice Schwarzer ist nach wie vor Herausgeberin der EMMA und Vorsitzende einer (nicht unumstrittenen) staatlich subventionierten Stiftung.

Karl-Theodor zu Guttenberg sitzt seit 2011 auf einem ruhigen, aber hoch dotierten Posten als Kommissionsberater der EU und fällt höchstens durch seine Spesenrechnungen auf.
Ob in diesen Fällen das Wort „Ausgestoßene“ zutrifft, mag jeder für sich selbst entscheiden. Die Liste ließe sich allerdings auch um Prominente ergänzen, die rechtskräftig verurteilt wurden. Und dann wird aus di Lorenzos Argumentation ein Schuh, denn die Konsequenzen für prominente und nicht prominente Straftäter dürften sich deutlich unterscheiden. Auch wenn in der Regel nur Prominente eine öffentliche Demütigung erdulden müssen – sie fallen mit Sicherheit auch meist wesentlich weicher als gewöhnliche Verurteilte, die nach der Verbüßung ihrer Strafe versuchen, ihr „Recht auf Rehabilitierung“ in Anspruch zu nehmen und wieder Fuß im Arbeitsleben zu fassen.

Verurteilte Prominente wie Klaus Zumwinkel (Steuerhinterziehung) können von ihrem Arbeitgeber Pensions- und Bonuszahlungen im zweistelligen Millionenbereich kassieren und dann Präsident eines Instituts werden, das derselbe Arbeitgeber gegründet hat – öffentliche Auftritte inbegriffen. Oder sie können wie Perter Hartz (Veruntreuung) den französischen Präsidenten beraten, ohne dass irgendjemand das polizeiliche Führungszeugnis interessiert. Auch diese Liste ließe sich fortsetzen. Der nicht prominente Dieb oder Betrüger dürfte es nach seiner Verurteilung allerdings deutlich schwerer haben, ähnlich wohlwollende Arbeitgeber zu finden wie z.B. die FC Bayern München AG, deren Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge (Steuerhinterziehung) nach seiner Vorstrafe einfach weiterarbeiten durfte, als sei nichts geschehen. Auch Uli Hoeneß wird man wohl kaum fallen lassen.

Ich teile di Lorenzos Auffassung, dass die mediale Berichterstattung in manchen Fällen völlig aus dem Ruder läuft. Seiner Einschätzung, etwas sei „aus dem Lot geraten“ und habe sich zuungunsten der Reichen und Berühmten verschoben hat, kann ich allerdings höchstens teilweise zustimmen.

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* Nachdem im Laufe des Donnerstags das Urteil ergangen ist, befassen sich auf zeit.de die ersten drei, auf taz.de der erste, auf sueddeutsche.de die ersten drei und auf faz.de die ersten fünf Artikel mit dem Hoeneß-Prozess. Darunter sind mit Sicherheit auch welche, die mir erklären wollen, warum dieser Prozess von derartiger historischer Bedeutung ist – zumindest bis die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird. Ich verzichte.

Nachtrag 14. März: Ich möchte den Artikel nicht zu lang werden lassen, aber trotzdem noch darauf hinweisen, dass di Lorenzo sich abschließend einen Ausbruch aus dem Schwarz-Weiß-Denken wünscht: „Kann ein Mensch nur gut oder nur böse sein?” Leider fährt er direkt im Anschluss mit einem Vokabular fort, das genau diese Dichotomie von Gut und Böse zementiert, wenn er über Hoeneß als einen „Gefallenen” schreibt, den „das Land […] einst vergöttert” habe.

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